«Miss Merkel: Mord auf dem Friedhof»

 

Inhalt - Miss Merkel: Mord auf dem Friedhof

Der Gärtner ist nicht immer der Mörder, manchmal ist er auch die Leiche. Das wird Rentnerin Angela spätestens klar, als ihr Mops die Leiche des Gärtners auf dem Klein-Freudenstädter Friedhof in der beschaulichen Uckermark entdeckt. Kopfüber steckt der Tote in der Erde, nur die Beine ragen heraus. Die Mordverdächtigen sind allesamt in zwei verfeindeten Bestatter-Familien zu finden. Da gibt es einen dubiosen Geschäftsführer, eine spröde Buchhalterin, eine sensible Trauerrednerin, einen Satanisten sowie einen kultivierten Steinmetz. Mit Letzterem teilt Angela nicht nur ihre Liebe zu Shakespeare, der ältere Herr sieht auch noch aus wie ein ehemaliger französischer Filmstar. Wird Angela dem rauen Charme dieses Mannes verfallen? Und was sagt ihr Gatte Achim dazu?

Der zweite Fall der Meisterdetektivin Miss Merkel stellt die Ex-Bundeskanzlerin auch privat vor kniffelige Probleme.

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Leseprobe - Miss Merkel: Mord auf dem Friedhof

Schlaf, Kindlein, schlaf, der Laschet ist ein Schaf», sang Angela dem klei-nen Baby vor, das in dem geblümten Kinderwagen vor ihr lag, «der Söder ist ein Trampeltier, was kann die arme Angela dafür...»Der Kleine schloss endlich die Äuglein, und Angela war erleichtert, dass sie ihren Gesang nun einstellen konnte, während sie die Karre über das hell strahlende Pflaster des Marktplatzes von Klein-Freudenstadt ruckelte. Es reichte schon, dass die Bewohner des kleinen Örtchens sie neugierig betrachteten –mit ihrer um den Bauch gebundenen Bla-zerjacke und der Bluse, die unter den Ärmeln schon leicht verschwitzt war–, da mussten sie sich nicht auch noch über ihren schiefen Ge-sang mokieren. Angela war sich ihrer Schwächen nur allzu gewahr. Sie wusste, dass sie keine flammende Rednerin war, und hatte daher stets vermieden, flammende Reden zu halten. Sie wusste auch, dass ihr schulterlange Haare nicht standen, und ging deshalb alle vier Wochen zum Friseur (obwohl sie sich an ihren neuen Friseur Silvio und dessen Hang zum Tratsch erst noch gewöhnen musste– gegen ihn war die Bild-Zeitung regelrecht diskret). Vor allen Dingen aber wusste sie, dass sie nicht gut singen konnte. Seit jenem Tag in der sechsten Klasse, an dem ihre Musiklehrerin Frau Pühn sie gebeten hatte: «Angela, sei so gut und sing beim Kanon nicht mehr mit, du bringst alle anderen aus dem Kon-zept.» Ihr Ehemann Achim hatte ihren Gesang zwar immer freundlich als ‹originell› bezeichnet, doch als sie letztens unter der Dusche Du hast den Farbfilm vergessen mitschmetterte, hatte sie gehört, wie er die Tür zu seinem Arbeitszimmer schloss. Nun aber lag vor ihr im Kinderwagen das einzige Wesen auf dieser ganzen globalisierten Welt, das ihren Ge-sang  zu  mögen  schien:  der  kleine  Adrian  Ángel.  Seine  Mutter  Marie  hatte  ihn  mit  seinem  Zweitnamen  nach  Angela  benannt,  zum  Dank  dafür, dass sie ihr bei der Geburt beigestanden hatte und den Mord an seinem Vater, dem Freiherrn Philipp von Baugenwitz, aufgeklärt hatte. Und dieser kleine Engel war eine Schwäche von Angela. Aber was für eine schöne! Jedes Mal, wenn sie ihn ansah, wurde ihr warm ums Herz. Ach  Quatsch,  nicht  nur  ums  Herz.  Ihre  ganze  Seele  wurde  erwärmt!  Seine Nähe erfüllte sie so sehr wie ihre größten Triumphe in der Politik. Nur eben völlig anders. Fühlten sich so großmütterliche Gefühle an?Nie hätte Angela gedacht, dass sich ihr Leben in Klein-Freudenstadt so  entwickeln  würde.  Weder  in  den  glücklichen  Momenten  noch  in  den eher langweiligen, die sie auch kannte. Angela hatte nun mal Zeit, um  mit  dem  Kinderwagen  spazieren  zu  gehen,  weil  sie  sonst  nichts  zu tun hatte. Der Politik hatte sie abgeschworen und den Garten ihres Fachwerkhäuschens  in  den  letzten  Monaten  mehrfach  umgegraben.  Ihr neues Hobby, das tägliche Kuchenbacken, hatte sie einstellen müs-sen. Die beiden Obdachlosen von Klein-Freudenstadt, die stets mit den Reststücken versorgt wurden, hatten schon Dinge gestöhnt wie: «Och, bitte heute mal nicht, ich krieg meine Hose nicht mehr zu.» Oder auch: «Könnten Sie zur Abwechslung nicht mal einen Burger braten?»Wenn  sie  es  recht  bedachte,  hatte  Angela  sich  seit  ihrer  Pensio-nierung  nur  dann  so  richtig  lebendig  gefühlt,  als  sie  in  dem  Mordfall  ermittelt  hatte.  Doch  wie  oft  würde  in  einer  Kleinstadt  schon  eine  solche  Bluttat  geschehen?  Klein-Freudenstadt  in  der  Uckermark  war  ja  nicht  Cabot  Cove  aus  der  Serie  Mord  ist  ihr  Hobby.  In  dem  Dorf  in  Maine  wurden  jede  Woche  ein  bis  drei  Menschen  niedergemetzelt,  und somit wurde ganz nebenbei das Problem der CO2-Emissionen auf originelle  Art  durch  Populationsreduzierung  gelöst. Obwohl  Angela genau wusste, dass es nicht anständig war, sich weitere Morde in Klein-Freudenstadt zu wünschen, ertappte sie sich bei dem Gedanken, dass ihr ein neuer Fall definitiv Freude bereiten würde.Sie lächelte kurz bei der Vorstellung, als sie mit dem Kinderwagen an den Marktständen vorbeischuckelte. Am Käsestand türmte sich ein stinkender Rotschmiere-Käse auf dem Tresen, über den selbst Schweizer sagen würden: ‹Damit kann man Kühe einschläfern.› Ange-la schämte sich für ihren moralisch verwerflichen Wunsch nach neuen Leichen. Tadelnd sagte sie zu sich selbst: «So ein Wunsch ist nicht in Ordnung.»«Na», ertönte eine Stimme, «führen wir jetzt schon Selbstgespräche?»Angela erschrak: Sie hatte anscheinend ihren Gedanken laut aus-gesprochen. Das war ihr bisher nur einmal passiert, bei ihrer ersten Be-gegnung mit Donald Trump, als ihr leise herausgerutscht war: «Der ist ja noch oranger als im Fernsehen.» Gut, dass der Dolmetscher damals so geistesgegenwärtig war, ihren Satz mit ‹Orange is her favorite color!› zu übersetzen.Es musste, dachte Angela, die Kombination aus Hitze und Lange-weile sein, die sie dazu brachte, Selbstgespräche zu führen. Das durfte ihr nicht noch mal passieren. Schon gar nicht vor der Frau, die sie eben angesprochen hatte. Es war die Latzhose tragende Frau vom Obststand, die zugleich stellvertretende Kreisvorsitzende der AfD war. Mit ihr ver-band Angela also rein gar nichts, außer gegenseitiger Abneigung und der Tatsache, dass sie den gleichen Vornamen hatten. Schnell wollte sie vorbeigehen, als die Obstverkäuferin etwas Überraschendes hin-zufügte: «Ich möchte mich gerne bei Ihnen entschuldigen!»Angela konnte sich nicht vorstellen, dass sie gemeint war, und dreh-te sich nach einer weiteren Person um.«Ich habe schon Sie gemeint.»«Und wofür wollen Sie sich entschuldigen?» Angela kam mit dem Kinderwagen näher. «Jedenfalls nicht dafür, dass ich Ihre Politik kacke fand», grinste die Frau feixend.«Hätte mich auch überrascht.»«Oder dass ich mit Vorliebe über Ihre Frisur lästere.»«Sie tun was?» Angela war empört. Sie mochte ihre Frisur. Sogar sehr!«Zusammen mit Silvio.»«Mit Silvio?»«Dem Friseur.»«Ich weiß, wer Silvio ist.» Angela hatte Mühe, ihren Zorn zu ver-bergen. Insbesondere auf den Betreiber des Salons Haar Kreativ. Was fiel ihm ein, über sie zu lästern? Nur weil sie stets seine Vorschläge ab-lehnte, ihr einen neuen Look zu verpassen, der ‹frischer›, ‹moderner› und ‹fashionista› sein sollte. Er hatte sogar das Wort ‹verführerisch› benutzt. ‹Verführerisch›! Es war ja nun wirklich nicht so, dass sie als verheiratete Frau ihres Alters in diesem Leben ständig einen Mann ver-führen wollte! Und jetzt lästerte er auch noch hinter ihrem Rücken wie die Ministerpräsidenten der Bundesländer in der Coronakrise? Beim nächsten Besuch in seinem Salon würde nicht nur er ihr den Kopf wa-schen, sondern sie auch ihm!«Wenn Sie es wissen», grinste die Obstverkäuferin, «warum fragen Sie dann, wer Silvio ist?»«Ich frage mich, warum ich mich überhaupt mit Ihnen unter-halte.»«Weil ich mich wirklich entschuldigen will.»«Dann tun Sie das doch auch.»«Es fällt mir schwer», druckste Obst-Angela herum.«Wäre mir gar nicht aufgefallen.»«Sie haben meinen Lebensunterhalt gerettet. Hätten Sie den Mord an Philipp nicht aufgeklärt, wäre das Schloss an den amerikanischen Investor verkauft worden, und ich hätte nicht mehr das Land pachten können, um meinen Hof zu bewirtschaften. Aber dank Ihnen kann ich weitermachen.»«Sie sollten Marie danken.» Eigentlich war der kleine Adrian Ángel der  Erbe  des  Familienvermögens,  das  bis  zu  seiner  Volljährigkeit  von  seiner Mutter Marie verwaltet wurde. Marie, die vor ein paar Monaten noch  HartzIV  bezogen  hatte,  zeigte  keinerlei  Interesse  an  einem  Ver-kauf  des  Anwesens.  Angela  wusste,  dass  es  der  Obstverkäuferin  ver-mutlich  noch  schwerer  fiel,  Marie  gegenüber  ihren  Dank  auszudrü-cken, denn Marie war eine Schwarze und die AfD-Frau nun mal keine Vorkämpferin für die Rechte von Minderheiten.«Auch das werde ich tun», sagte Obst-Angela und klang dabei über-raschenderweise aufrichtig. «Aber erst mal bedanke ich mich bei Ihnen dafür, dass Sie den Mord aufgeklärt haben. Und ich entschuldige mich dafür, dass ich Sie für eine lächerliche Hobby-Detektivin gehalten habe. Sie sind nämlich eine verdammt gute Ermittlerin.»Angela  kämpfte  sehr  damit,  nicht  geschmeichelt  zu  lächeln–  und  verlor diesen Kampf.«Wenn es wieder einen Mord gibt, werde ich Ihnen garantiert helfen. Versprochen!»«Ich  glaube  nicht,  dass  es  hier  in  absehbarer  Zeit  noch  mal  einen  Mord geben wird», antwortete Angela und ertappte sich dabei, wie eine kleine Stimme in ihr sagte: Man soll die Hoffnung nie aufgeben.«Wohl  nicht»,  grinste  die  Obstverkäuferin.  Und  Angela  vermutete,  dass  es  der  Frau  genau  deswegen  so  leichtfiel,  ihre  Hilfe  anzubieten.  «Warum schieben Sie eigentlich den Kinderwagen alleine herum? Wo sind denn Ihr Mann, Ihr Hund und Ihr Gorilla?»Mit  ‹Gorilla›  meinte  sie  Angelas  Personenschützer  Mike.  Angela  hatte  ihn  davon  überzeugen  können,  dass  sie  auch  mal  alleine  durch  den  Ort  gehen  konnte.  Die  Wahrscheinlichkeit,  dass  sich  irgendwel-che Attentäter nach Klein-Freudenstadt verirren würden, war nun mal nicht  allzu  groß.  Statt  bei  Angela  zu  sein,  schraubte  Mike  gerade  das 12neue Kinderbettchen für Baby Adrian Ángel zusammen. Und er küm-merte sich auch um Putin. Nicht den russischen Präsidenten, sondern um  Angelas  Mops  gleichen  Namens.  Sie  hatte  den  Hund  nicht  mitge-nommen, da er auf Spaziergänge in der Sommerhitze genauso wenig stand wie Peter Altmaier auf Treppensteigen. Außerdem reagierte Pu-tin eifersüchtig, wenn Angela sich dem Baby zu sehr zuwandte. Einmal, als  Angela  dem  kleinen  Adrian  besonders  lange  vorgesungen  hatte,  hatte  Putin  aus  Protest  sogar  in  die  Wohnzimmerecke  ein  Häufchen  gemacht. In dem Augenblick wurde ihr klar, wie eifersüchtig ihr Mops war, auch wenn Mike ganz leise vor sich hingemurmelt hatte: «Könnte auch am Gesang liegen.» Seitdem gab Angela ihrem kleinen ‹Hasema-sen›, wie sie Putin nannte, besonders lange Kuscheleinheiten, damit er sich nicht vernachlässigt fühlte.

Trailer - Miss Merkel: Mord auf dem Friedhof
David Safier - Miss Merkel 2 Buch

Erscheinungstermin: 01.03.2022

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